Wischmeyer: DIE WüRDE DES MENSCHEN IST NACH UNTEN OFFEN

Partyspiele

AIs ob das Leben als Mensch nicht schon erniedrigend genug wäre, findet der Bekloppte einen Heidenspaß daran, sich vollends der Lächerlichkeit preiszugeben. Diese Attacken gegen die eigene Menschenwürde nennen sich Partyspiele und dienen dazu, jeden halbwegs Normalen in eine affige Knalltüte zu verwandeln. Dem Delinquenten wird z. B. die Kartoffel A am langen Faden hinten an den Gürtel B gebunden. Damit soll er nun die Streichholzschachtel C in das Ziel D befördern. Doch, o Gipfel des Schabernacks, ist der Faden nur just so lang, daß die Kartoffel erst den Boden berührt, wenn der Partysportler eine Art Kackstellung einnimmt. An sich ja schon schweinelustig, den Herrn Abteilungsleiter auf der Betriebsfeier beim Kartoffelkacken zu beobachten, doch es kommt noch besser: Um die Streichholzschachtel C mit der Kartoffel A zu treffen, muß er diese in Pendelbewegungen versetzen. Dazu ruckelt des Herrn Abteilungsleiters Becken E nicht unähnlich dem Verfahren, wie es weltweit beim Geschlechtsakt F üblich ist. Was wir also inmitten einer kreischenden Partygesellschaft gewahr werden, ist ein erwachsener Mann im Anzug, dem ein symbolischer Köddel am Bandwurm aus dem After hängt und der dabei ein virtuelles Weibchen stößt. Kein feiner Anblick, denkt der Laie, was wird er wohl verbrochen haben, um so bestraft zu werden? Nix! Das macht der alles freiwillig. Entweder, weil er nicht ganz bei Sinnen ist, oder aus Berechnung. Denn durch die kalkulierte Erniedrigung bei Betriebsfesten oder ähnlichem gaukelt der Chef seinen Dummies vor, er sei einer von ihnen. Das ist auch soweit okay. Schlimmer sind die Bedauernswürdigen, die tatsächlich Spaß haben an derartigem Witzeterror und sich immer neue Folterspielchen überlegen. Der Klassiker der peinlichen Geselligkeit ist der Gurkentanz und sein etwas harmloseres Brüderchen der Apfelsinentanz. Bei letzterem wird dem Tanzpaar eine Apfelsine zwischen die flachen Stirnwände geschoben, und los geht's mit dem Gehoppel. Hahaha, wir ahnen schon Sinn und Zweck des neckischen Treibens: Sehr bald rutscht die quirlige Frucht zwischen den Schädeln weg, und diese prallen ungewollt aufeinander. Was dann geschieht, reimt sich der Volksmund als Kuß zusammen, ist aber doch wohl eher irgendwas zwischen Nasenbeinbruch und blauem Auge. Somit bis aufs äußerste angeheizt, gipfelt die frivole Stimmung im Gurkentanz. Dem männlichen Tier wird dazu eine Schlangengurke in den Schritt geklemmt, und selbige hat er nun einem Weibchen von vorne oder hinten zwischen die Beine zu rammen. Gelingt es, muß das Opfertier ihm beim Tanze zu Willen sein. Diese Sexualsymbolik ist derart feinsinnig, daß sie nahezu unbemerkt bleibt. Sollte ich jemals dabei überrascht werden, wie ich mit einem dreißig Zentimeter langen Gurkenpenis durch einen Tanzsaal hopse, so kann ich nur hoffen, daß mir ein Freund den Gnadenschuß verpaßt.